Wir machten uns gemeinsam mit einigen Jugendlichen und einer Schwester auf, um Weihnachtskuchen im „Mental Hospital“ an die Patienten zu verteilen. Wir wussten absolut nicht, was uns dort erwarten würde, denn die Schwester hatte selbst keine Ahnung!
Dort angekommen war es uns klar wo wir waren: in einer Psychiatrie!
Jedoch glich das Gelände von Weitem eher einem Feriendorf. Es waren so gut wie keine Sicherheitsmassnahmen zu sehen… Wenn dort ein Patient versucht abzuhauen, dann würde es ihm höchstwahrscheinlich gelingen (ohne das es jemand mitbekommen würde).
Es ist ja schon mal unglaublich und unzulässig, dass eine Gruppe von 35 Besuchern (darunter wirklich junge und nicht Reife Inder/innen) diese Anlage OHNE jegliche Vorbereitung besuchen! Und das die Angestellten es zulassen!!!
Nachdem wir vor dem „Office“ standen, mussten wir die Kuchen dort abgeben (die Kuchen waren in riesige Kartons verpackt und es waren ca. 250 Stückchen in einem Karton drin). Sie wurden innerhalb von 3 Minuten (!) (wir hatten drei Kartons dabei) auf Gift untersucht… wir fragen uns heute noch: Wie haben die das bitte gemacht??? Selbsttest? :)
Nachdem kein Gift und somit keine Gefahr für die Patienten bestand, bekamen wir die Kuchen zurück und dann zogen wir mit der Gruppe los.
Ein „Angestellter“ zeigte uns lediglich wo wir hinlaufen mussten und ob wir gemeinsam in das Gebäude durften oder ob nur Frauen bzw. Männer erlaubt waren- ohne jegliche Erklärung oder ähnliches.
Den ersten Halt machten wir in einem Gebäude, das aus einem mehr oder weniger großem Raum bestand, die Türen und Fenster waren vergittert und es standen Metallbetten ohne Matratzen für die ca. 20 Patientinnen drin.
Diese Frauen haben keinen Freigang und werden auch nicht mehr entlassen, weil sie ihre Ehemänner und ihre Kinder getötet haben.
Sarah und ich hielten uns eher im Hintergrund auf, aber die Pflegerin holte uns nach ganz vorne, damit wir einen Blick in den Raum werfen konnten.
Ganz vorne, stieg uns der Geruch von Urin in die Nase… Man konnte es einigen Frauen wirklich ansehen, dass sie total unter Medikamente standen.
Dann teilten wir die Kuchen aus und gingen so weiter von Bunker zu Bunker.
Auf diesem Gelände waren geschlossene Gebäude, Einzelzellen aber auch offene Gebäude, wo die Patienten „Freigang“ auf dem Gelände hatten.
Die Unterkunft in den geschlossenen Gebäude könnt ihr euch wie Massenlager vorstellen, Frauen und Männer natürlich getrennt.
Wie oben beschrieben standen dort Metallbetten oder gar keine drin- also mussten folglich die Patienten auch auf dem kahlen Boden ohne Bettdecke und Matratze oder Unterlage schlafen. Die Einzelzellen waren alle komplett gefliest und ein Betonblock diente als Bett. Sie waren sehr sehr dunkel und von der Außenwelt mit einer großen Gittertür getrennt.
Hier wurden die Menschen untergebracht, die nicht „einzuschätzen“ sind, jemanden getötet hatten und für sich und die Menschheit eine Gefahr darstellen.
Auf dem ganzen Gelände konnten wir einen Geruch von Urin und Desinfektionsmitteln wahrnehmen. Aus manchen Einzelzellen lief der Urin sogar raus.
Manche Patienten waren „normal“, mit ihnen konnten wir uns unterhalten und es sprachen auch viele Englisch, aber andere waren so „vollgedröhnt“ mit Medikamenten sodass sie einfach am Boden lagen und in die Luft starrten oder schliefen.
Es war wirklich ganz furchtbar mitanzusehen, wie die Menschen dort „gehalten“ werden.
Von Menschenwürde ist hier gar keine Rede!
Wir waren wirklich froh, als wir Richtung Ausgang liefen!
Doch da erwartete uns schon der nächste Schock…
Wir sahen eine weiße Frau mit blonden Haaren, die einen grünen Churidar und rote Sneakers anhatte, auf einer Treppe saß und ein Buch las. Sie sah so entspannt aus, als wäre sie hier im Urlaub.
Wir sahen sie zuletzt und die anderen aus der Gruppe standen schon alle um sie herum… als wir kamen schauten sie uns alle erwartungsvoll an, so auf die Art: jetzt redet mal, denn die Frau sieht ja aus wie ihr …
Also redeten wir mit ihr am Anfang auf Englisch und dann fragte sie, woher wir sind. Nachdem wir ihr geantwortet hatten, sprach die Frau auf einmal deutsch!
Es war unglaublich- wenn man schon seit Ewigkeiten niemand mehr deutsch sprechen hörte und dann trifft man auf eine Holländerin in einer indischen Psychiatrie, die hier eingeliefert wurde (wie sich herausstellte) und die dann plötzlich unsere Sprache spricht!
Durch die gemeinsame Sprache war auf einmal keine Distanz mehr da und das hat uns noch mehr getroffen.
Sie erzählte uns, dass sie zuvor 3 Monate in Sri Lanka umherreiste und dann 3 Wochen in einem Ashram, bei uns in der Nähe war. Sie ist bereits seit 3 Wochen hier. Sie fügte dann aber noch hinzu, dass dies nicht ihre Wahl war.
Jetzt wartet sie auf die Erlaubnis zur Ausreise, was wie sie sagt, bis zu Monaten dauern kann…
Uns war es zum Weinen zu mute!
Die dort aufgekommenen Gefühle kann man einfach nicht in Worte fassen…
Nach diesen Eindrücken und Erlebnissen dachten wir, der Tag kann nicht noch schlimmer werden - aber als ein Jugendlicher von unserer Gruppe einen Anruf bekam und dann zusammengekauert am Baum saß, erlebten wir ein nächstes schockierendes Ereignis.
Seine schwangere Schwester wurde ins Krankenhaus eingeliefert, denn das Kind musste man an diesem oder am nächsten Tag per Kaiserschnitt auf die Welt bringen, sonst sei es der Tod für die Mutter und das Kind…
Jedoch hatte die Familie das Geld (5000 Rupies = ca. 90 Euro) für den Kaiserschnitt nicht… Wir beschlossen ihm das Geld über das Kloster anonym zu geben.
Es war so schlimm mit anzusehen… und sind wir doch mal ehrlich 90 € das geben wir doch manchmal einfach so ohne mit der Wimper zu zucken aus…
Und hier kann es zwei Menschenleben retten…
Doch kurz darauf rief er bei vielen Bekannten an und bittete um Geld.
Diese erklärten sich nach langem hin und her bereit, ihm das Geld zu leihen.
Obwohl diese Situation gut ausging (Mutter und Kind sind nun wohlauf) stand uns der Schock noch in den Knochen.
Nach diesem Tag wurde uns wieder einmal bewusst, dass hier Trauer und Freude sehr nah beieinander liegen können, denn die Heimfahrt mit den Jugendlichen war ausgelassen und spaßig.
Das Erlebte wurde nicht thematisiert und in dem Moment von allen verdrängt oder vielleicht sogar vergessen….
(Auf Grund des Datenschutzes der Patienten durften in dieser Einrichtung keine Fotos gemacht werden)
Bis bald
Eure
Sarah
♥